Wissenschaftscafé zum Thema „Ethik und Religionen im Stresstest“

Zehn Jahre sind vergangen, seitdem 2009 in einer Volksabstimmung die «Ethik-Initiative» verworfen und das Modell „1+1“ angenommen wurde. Seitdem gibt es im Kanton Graubünden zwei Schulfächer. Das staatlich verantwortete Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG) müssen alle Schülerinnen und Schüler besuchen, egal ob sie Christen, Muslime oder Atheisten sind. Daneben gibt es weiterhin den kirchlich verantworteten, freiwilligen «Religionsunterricht».

Das von der Theologischen Hochschule Chur veranstaltete Wissenschaftscafé am 2. Mai 2019 versuchte eine Bestandsaufnahme: Ist die Situation gut so? Soll man alle Schüler zur Beschäftigung mit Religionen und Ethik verpflichten? Welche Themen sind erlaubt? Welche vielleicht sogar politisch geboten? Die Gesprächsrunde bestand aus drei Fachpersonen:

Rifa’at Lenzin, ehemalige Fachleiterin Islam, Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog
Andreas Kyriacou, Präsident Freidenker-Vereinigung Schweiz
Prof. Dr. Christian Cebulj, Religionspädagoge, Theologische Hochschule Chur

Ursprünglich geplant war noch Prof. em. Dr. Jürgen Oelkers, Erziehungswissenschaftler von der Universität Zürich, der aber aus Krankheitsgründen absagen musste. Die Moderation des Abends hatte der Theologe, Ethiker und Journalist Reinhard Kramm.

Die verschiedenen Perspektiven aus Erziehungswissenschaft, Religionspädagogik, Religionswissenschaft und Atheismus ergaben die Einsicht, dass die Pluralität von Meinungen und Einstellungen heute ein ebenso selbstverständliches wie entscheidendes Kennzeichen unseres postmodernen Wirklichkeitsverständnisses ist. Wenn es allerdings um die Vielfalt religionsbezogener Meinungen und Einstellungen geht, sehen sich Theologie und  Religionspädagogik einem manchmal nicht leicht zu lösenden Widerspruch gegenüber: Während soziale Pluralität nicht nur akzeptiert, sondern positiv konnotiert wird, ist religiöse Pluralität zwar in aller Regel anerkannt, führt aber deutlich seltener zu einer bejahenden Grundhaltung. Mehr noch: religiöse Pluralität führt oft genug zu einer verschärften Wahrnehmung des Konfliktpotenzials unterschiedlicher religiöser Traditionen. Das hat zur Folge, dass die religiöse Vielfalt unserer Gegenwart von den einen als Bereicherung empfunden wird, von den anderen als beunruhigende Herausforderung.

Der erste Themenblock des Podiums diente der Rückschau: Es wurde eine Analyse der jetzigen Situation unter den Bedingungen des Lehrplans 21 vorgenommen: Im Wesentlichen machen die Lehrpersonen gute Erfahrungen, ein wichtiger Mangel sind jedoch die fehlenden Lehrmittel. Im zweiten Block gefragt, was künftig zu ändern wäre und welche politischen und pädagogischen Ziele jetzt an die Hand genommen werden sollten.

Eine interessante Podiumsdiskussion, bei der auch zahlreiche Rückfragen aus dem Publikum beantwortet wurden.