Bericht über die Tagung
«Mystik und Reformation im helvetischen Kontext»

Die von Prof. Dr. Martina Roesner in Kooperation mit Prof. Dr. Tobias Jammerthal (Universität Zürich) organisierte Tagung «Mystik und Reformation im helvetischen Kontext» fand vom 28.–30. Mai 2026 im Bischöflichen Schloss in Chur statt. Diese Tagung bot die Gelegenheit, international führende Expertinnen und Experten am Standort Chur miteinander sowie mit jüngeren Forschenden ins Gespräch zu bringen und ansonsten weitgehend unabhängig voneinander arbeitende Forschungszweige (v.a. Katholische bzw. Evangelische Theologie und Kirchengeschichte, Ältere deutsche Sprache und Literatur, Philosophie, Mediävistik) miteinander zu vernetzen.

Martina Roesner (Chur) eröffnete die Tagung mit ihrem Plenarvortrag «Wem gehört die Mystik? Zur Aneignung spiritueller Traditionen im Rahmen konfessioneller Identitätskonstruktion», in dem sie anschaulich aufzeigte, wie stark die Rezeption der Mystik gerade im 19. Jahrhundert konfessionell unterschiedlich erfolgte, dabei aber von der für Deutschland typischen Situation des Kulturkampfes geprägt war. Marie-Anne Vannier (Metz) zeichnete in ihrem Plenarvortrag «Die geistliche Geographie der Ordensgemeinschaften am Oberrhein im 14. Jahrhundert» nach und eröffnete neue Einblicke in die mystischen Diskursgemeinschaften des alemannischen Sprachraums. Diesen Faden nahmen Elena Lampp (Zürich) und Anna Lerch (Bern) mit ihren Kurzvorträgen zu ausgewählten Schweizer Frauenklöstern und deren devotionaler Literatur im Hoch- und Spätmittelalter auf, während die parallel stattfindende Sektion von Christian Scheidegger (Zürich) und Harald Bollbuck (Wolfenbüttel) mit Jörg Frell und Andreas Bodenstein von Karlstadt zwei Fälle von Mystik-Rezeption in der Reformationszeit vorstellten.

Inigo Bocken (Leuven) führte in seinem Plenarvortrag mit dem Titel «Mystik und Devotio Moderna» in ein in der Mystikforschung kontrovers diskutiertes Spannungsfeld ein, das für die Rezeptionsgeschichte mystischen Denkens besondere Relevanz birgt, weil viele Reformatoren durch die Devotio Moderna geprägt waren. Die damit angeschnittenen Fragen wurden in den Kurzvorträgen von Urs Leo Gantenbein (Zürich) zum Spannungsfeld von Einflüssen aus Devotio Moderna und radikaler Reformation bei Paracelsus einerseits und von Hiram Kümper (Mannheim) zur intellektuellen Nachbarschaft von Humanismus und Mystik andererseits weiter vertieft. Parallel dazu entwickelten die Kurzvorträge von Lukas Bickel (Zürich) und Alexander Heindel (Münster) anhand der Aspekte der Gebetsdisziplinierung in Dominikanerinnenkonventen im Zuge der Observanzreform (Bickel) sowie der Rezeption von mystischem Gedankengut in Basler Drucken (Heindel) die von Vannier, Lampp und Lerch eröffnete Gesprächslinie weiter. Freimut Löser (Augsburg) bündelte die hierzu gewonnenen Erkenntnisse in seinem öffentlichen Abendvortrag «Mystische Überlieferungsgeschichte(n) aus der Schweiz» und band sie zugleich an die neuere Schweizerische Forschungsgeschichte zurück; damit reicherte Löser auch die von Roesner eröffneten Horizonte der akademischen Mystik-Rezeption um weitere Beobachtungen an.

Hatten die Vorträge am ersten vollen Konferenztag sich in besonderer Weise um die Erhellung der Mystik im helvetischen Kontext bemüht, so stand der zweite volle Konferenztag in besonderem Masse im Zeichen der Aufnahme und Umformung mystischen Denkens und mystischer Frömmigkeit in der Schweizerischen Reformation. Volker Leppin (Yale) eröffnete diesen Teil der Tagung durch seinen Plenarvortrag über die Rezeption des Nikolaus von Flüe durch die Zürcher Reformatoren. Dabei wurde deutlich, dass Bruder Klaus von reformatorischer Seite nicht zuletzt deshalb hochgeschätzt wurde, weil man seine eremitische Lebensform als Kritik am Ordensstand und der institutionalisierten Lebensweise traditioneller Klostergemeinschaften interpretieren konnte. Diesen Faden nahm Ulrike Treusch (Giessen) in ihrem Kurzvortrag auf, indem sie sich mit der Clausen-Rezeption durch Schweizer Heiligenspiele beschäftigte und damit auch die nicht-reformatorische Aufnahme des Bruder Klaus untersuchte. Ihr zur Seite trat der Kurzvortrag von Camille Rivoire (Toulon) zum Thema «Mysticism and Counter-Reformation in the Mystère de la Passion de Jésus-Christ, ms. Paris, BnF nouv. acq. fr. 28471», der sich insbesondere mit der Identitätskonstruktion «typisch französischer» bzw. «typisch deutscher» Verhaltensweisen der Protagonisten dieser Mysterienspiele befasste. Die Kurzvorträge von Ueli Zahnd (Genf) und Jan Klok (Utrecht) loteten das umstrittene Thema der Mystik-Rezeption bei Johannes Calvin aus, während Luca Baschera (Zürich) mit den handschriftlich erhaltenen Kommentaren des Zürcher reformierten Theologen Conrad Clauser zum Corpus Dionysiacum als einem der wichtigsten und einflussreichsten mystischen Schriftencorpora eine der Forschung anhin unbekannte Quelle vorstellte. Die Tagung mündete in den abschliessenden Plenarvortrag von Dietmar Mieth (Erfurt), der strukturellen Gemeinsamkeiten im Denken von Marguerite Porète, Meister Eckhart und Huldrich Zwingli nachspürte.

Die Beiträge der Tagung werden voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres in einem Sammelband (geplant in der Reihe «Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte») sowohl in gedruckter Form als auch Open Access publiziert werden. So ist eine breite Rezeption der Tagungsergebnisse in der Fachwelt möglich und zu erwarten.

Prof. Dr. Martina Roesner

Programm der Tagung