1. Philosophie
Dozierende
Philosophie und Philosophiegeschichte
Prof. Dr. Martina Roesner
Philosophie und Philosophiegeschichte
1.1. Einführung in die Philosophie
Herbstsemester 2026
Montag, 08.25-10.05 Uhr
Pflichtvorlesung BA 1 / Wahlpflicht Dualer Studiengang – Mündliche Prüfung – 3 ECTS
Die Frage nach Wesen und Aufgabe der Philosophie stellt sich nicht nur, wie bei anderen Wissenschaften, zu Beginn des Studiums dieser Disziplin, sondern gehört zu den zentralen Grundfragen des philosophischen Denkens selbst. In dieser Einführungsvorlesung soll es darum gehen, die Eigenständigkeit der Philosophie gegenüber der Offenbarungstheologie und den anderen Einzelwissenschaften, aber auch gegenüber Religionen, Ideologien und Weltanschauungen aufzuzeigen und den Ursprung des philosophischen Fragens sowie die Eigentümlichkeit der philosophierenden Grundhaltung in existenzieller, historischer und systematischer Perspektive zu beleuchten. Dabei soll deutlich werden, dass das Philosophieren nicht primär auf Antworten und Ergebnisse abzielt, sondern einen wesentlich performativen Aspekt besitzt, der denjenigen, der Philosophie treibt, in dauerhafter Weise zum Selbstdenken und zur kritischen Reflexion befähigen soll.
1.2. Geschichte der Philosophie: Neuzeit und Gegenwart
Herbstsemester 2026
Donnerstag, 13.50-15.30 Uhr
Pflichtvorlesung BA 1-3 – Mündliche Prüfung – 3 ECTS
In der Philosophiegeschichte hat es sich eingebürgert, den Beginn der Neuzeit als radikalen Bruch mit den vorangegangenen Epochen der Geistesgeschichte zu verstehen. Diese Sichtweise ist zwar nicht völlig falsch, erweist sich aber doch als zu undifferenziert. Auch wenn in der neuzeitlichen Philosophie in vielerlei Hinsicht eine tiefgreifende inhaltliche und methodische Neuorientierung zu beobachtbar ist, geschieht dies doch unter Rückgriff auf gewisse Motive, die zumindest teilweise in der antiken bzw. mittelalterlichen Philosophie grundgelegt sind. Die Vorlesung beginnt zunächst mit einer Analyse der wichtigsten Vertreter des Rationalismus (Descartes, Malebranche, Spinoza, Leibniz), deren philosophische Ansätze sowohl von der antiken Skepsis als auch vom augustinischen Subjektverständnis, der aristotelischen Substanzmetaphysik und dem Neuplatonismus beeinflusst sind. In einem zweiten Schritt wird der Britische Empirismus (John Locke, George Berkeley und David Hume) als Nachfahre des mittelalterlichen Nominalismus und dessen radikaler Kritik an aller metaphysischen Spekulation thematisiert.
Anschliessend wird mit Blick auf die Philosophie Immanuel Kants und des Deutschen Idealismus (Fichte, Hegel, Schelling) gezeigt, dass das Projekt einer Selbstbegrenzung der Vernunft das endliche Bewusstsein in einer notwendigen Dialektik über sich selbst hinausführt und es als Vollzugsmoment des Absoluten erscheinen lässt. Mit Blick auf die Philosophie des 19. Jahrhunderts werden vor allem die unterschiedlichen Reaktionen auf die hegelsche Dialektik betrachtet: Während Linkshegelianismus und Marxismus diese unter historisch-materialistischen Vorzeichen radikalisieren, lehnen Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche die von Hegel betriebene Verabsolutierung des Begrifflich-Universalen kategorisch ab und stellen stattdessen auf unterschiedliche Weise das Individuelle und Vorrationale in den Mittelpunkt ihres Philosophierens. Mit Blick auf die Philosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts konzentriert sich die Vorlesung auf den Neukantianismus sowie die Husserlsche Phänomenologie und interpretiert sowohl die Philosophie Heideggers als auch den logischen Empirismus (Wittgenstein, Carnap u.a.) als zwei unterschiedliche Spielarten einer radikalen Destruktion der bisherigen Metaphysik und Subjektphilosophie. Zum Abschluss soll noch die Entwicklung der Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg skizziert werden, die in Deutschland vor allem durch die sogenannte Frankfurter Schule und in Frankreich durch die Aneignung und Weiterentwicklung der Phänomenologie sowie durch ihre Annäherung an die biblische Offenbarungstheologie geprägt ist (v.a. bei Emmanuel Levinas und Jean-Luc Marion).
Die Vorlesung will diese komplexen Entwicklungslinien der Philosophie von der Neuzeit bis zur Gegenwart verständlich machen und zu einer nuancierten Betrachtung der Stärken und Schwächen neuzeitlichen Denkens anregen.
1.3. Philosophische Anthropologie
Frühjahrssemester 2027
Mittwoch, 14.45-16.35 Uhr
Pflichtvorlesung BA 1-3 / Wahlpflicht Dualer Studiengang – Mündliche Prüfung – 3 ECTS
Im Unterschied zur Theologischen Anthropologie betrachtet die Philosophische Anthropologie den Menschen nicht unter dem Gesichtspunkt seiner Gottesbeziehung, sondern ist bestrebt, die menschliche Existenz aus sich selbst heraus zu verstehen. Auch wenn die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Stellung innerhalb der Wirklichkeit schon in der antiken Philosophie in vielfältiger Weise thematisiert wurde, ist eine «Philosophische Anthropologie» als eigenständige philosophische Disziplin doch erst im 20. Jahrhundert entstanden – angeregt durch Martin Heideggers radikale Frage nach dem Wesen des menschlichen Daseins und in stärker empirisch-biologisch bzw. soziologisch geprägter Weise weitergeführt durch Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen. Die Vorlesung befasst sich zunächst mit den unterschiedlichen Modellen einer Wesensbestimmung des Menschen, die – beeinflusst durch gewisse biblisch-theologische bzw. philosophische Grundannahmen – den Menschen entweder «von oben», d.h. als besonders vollkommenes, dem Göttlichen verwandtes Wesen betrachten oder ihn «von unten», d.h. von seiner irdisch-biologischen, hinfälligen und sterblichen Dimension her verstehen. Anschliessend wird auf die Doppelgestaltigkeit des Menschen als Naturwesen einerseits und Kulturbildner andererseits eingegangen, der aufgrund seiner Sprachfähigkeit und seiner Leibstruktur (aufrechter Gang, freie Benutzung der Hände) fähig ist, sich gegenüber der Welt insgesamt frei zu verhalten und sie nach seinen Bedürfnissen umzugestalten. Der menschliche Leib wird dabei als unhintergehbarer Ausgangspunkt aller Wirklichkeitsbezüge erwiesen, der in die vom Menschen erlebte Räumlichkeit der Welt eine nicht zu eliminierende Heterogenität hineinbringt. Schliesslich werden die verschiedenen Typen menschlicher Sozialität, das Vermögen des Menschen zur Institutionenbildung und seine Fähigkeit zu symbolisch-religiösen Ausdrucksformen analysiert und als Spezifika des Menschen im Unterschied zum Tier erwiesen.
1.4. Philosophische Ethik
Frühjahrssemester 2027
Donnerstag, 08.25-10.05 Uhr
Pflichtvorlesung BA 1-3 – mündliche Prüfung – 3 ECTS
Die Philosophische Ethik versteht den Menschen als mit Vernunft und Freiheit begabtes moralisches Wesen, dessen Fähigkeit zu gutem bzw. schlechtem Handeln – anders als in der Theologischen Ethik – nicht mit Blick auf Gott und den spezifisch theologischen Begriff der «(Erb-)Sünde» thematisiert wird, sondern allein mit Blick auf die menschliche Natur als solche. In der Vorlesung werden zunächst die unterschiedlichen Bedeutungen von «Moral» und «Ethik» sowie «Metamoral» und «Metaethik» voneinander abgegrenzt und die Stellung der Philosophischen Ethik im Verhältnis zu anderen philosophischen Disziplinen (Metaphysik, Logik, Anthropologie, Politische Philosophie) sowie bestimmten nichtphilosophischen Wissenschaften (v.a. Biologie, Psychologie und Soziologie) bestimmt. Anschliessend werden die ethischen Grundbegriffe «Freiheit», «Gerechtigkeit» und «das Gute» in ihren unterschiedlichen Bedeutungen analysiert. An diese vorbereitenden Betrachtungen schliesst sich eine Darstellung der verschiedenen Grundtypen philosophischer Ethik an (aristotelische Tugendethik, kantische Pflichtethik, schelersche Wertethik, Utilitarismus, Kontraktualismus/Diskursethik). Die für diese Ansätze jeweils massgeblichen philosophischen Prämissen werden dabei ebenso analysiert wie die charakteristischen Stärken und Schwächen dieser ethischen Entwürfe. Zum Abschluss wird auf die Beziehung zwischen dem Sein des Menschen und seinem Handeln eingegangen und dabei aufgezeigt, weshalb die grundlegende moralische Frage weniger «Was soll ich tun?» als vielmehr «Wer will (bzw. soll) ich sein?» lautet.
1.5. Lektürekurs Augustinus, Confessiones
Herbstsemester 2026
Mittwoch, 15.50-16.35 Uhr
Freies Angebot BA 1-3 / MA 1-2 – keine Prüfung – 2 ECTS
Augustinus’ Confessiones stellen die wohl bedeutendste Autobiographie der europäischen Geistesgeschichte dar, die auf virtuose Weise eine Schilderung seines eigenen Lebens- und Glaubensweges vor dem Hintergrund der damaligen historisch-politischen Zeitumstände mit grundlegenden philosophisch-theologischen Betrachtungen verknüpft. Der starke Fokus auf der eigenen Individualität markiert eine Zäsur gegenüber der antiken, griechischen Philosophie, die weit mehr am Universalen als an der Individualität und Kontingenz des Individuums interessiert ist. Im Unterschied zu profanen Autobiographien versteht Augustinus seinen Lebensweg jedoch durchgehend als Entwicklung seiner Beziehung zu Gott, der dem Menschen immer schon mit seiner Gnade entgegenkommt, noch ehe dieser sich dessen bewusst ist. Dennoch sind die Confessiones weit mehr als nur eine individuelle Lebensbeschreibung, da die Umwege und Irrwege in Augustinus’ Denkentwicklung untrennbar mit den wichtigsten philosophischen und religiösen Strömungen der Spätantike (Manichäismus, Stoizismus, Neuplatonismus) verknüpft sind und daher über die geistige Landschaft der damaligen Zeit Aufschluss geben. Schliesslich enthalten die Confessiones noch eine ausgesprochen innovative, existenziell gewendete Deutung der Zeit als «Erstreckung der Seele» (distentio animi), die zwischen Vergangenheit (Erinnerung), Gegenwart (präsentisches Bewusstsein) und Zukunft (Erwartung, Hoffnung) ausgespannt ist und aufgrund dieser Erstrecktheit immer Gefahr läuft, sich zu zersplittern, an das Geschöpfliche zu verlieren und damit letztlich von Gott abzuwenden.
Die Confessiones erweisen sich somit als ein Grundtext der abendländischen Philosophie, Theologie und geistlichen Literatur, der im Rahmen des Lektürekurses gemeinsam in deutscher Übersetzung gelesen und mit Blick auf seine vielfältigen Bedeutungsdimensionen diskutiert werden soll.
Gewisse philosophische Grundkenntnisse sind nützlich, aber keine unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme.
Seminar: 7.1. Wozu Religion?
Martina Roesner, Die menschliche Gottesbeziehung bei Thomas von Aquin und Meister Eckhart
Herbstsemester 2026
Dienstag, 16.45-18.25 Uhr
Freies Angebot BA 1-3 / MA 1-2 – Regelmässige, aktive Teilnahme (höchstens zwei versäumte Sitzungen) 2 ECTS / Regelmässige, aktive Teilnahme + Anfertigung einer Seminararbeit 4 ECTS
Die Frage nach der rechten Gottesverehrung (religio) hat das Christentum seit seinen Anfängen begleitet. Im Mittelpunkt stand dabei zunächst das Bestreben, die christliche Glaubenspraxis einerseits von den kultischen Vollzügen der heidnischen Religionen abzugrenzen und sie andererseits gegen die philosophische Kritik an jeder Form religiös-ritueller Praxis zu verteidigen. Das Wesen des christlichen Kultes wurde jedoch auch in späteren Jahrhunderten immer wieder thematisiert, um seine Rechtmässigkeit und Notwendigkeit zu verteidigen, aber auch mögliche Fehlformen (Aberglauben, magische Praktiken etc.) offen zu benennen und zu kritisieren.
Der spezifische Charakter christlicher Gottesverehrung ergibt sich aus der Art und Weise, in der die Beziehung des Menschen zu Gott in schöpfungstheologischer Hinsicht gefasst wird: Je stärker ein theologischer Ansatz die ontologische Distanz und Asymmetrie zwischen Gott und Mensch betont, desto mehr wird die religio als eine Pflicht des Menschen begriffen, deren Funktion darin besteht, der Erreichung des transzendenten Zieles seiner Existenz (Gemeinschaft mit Gott in der visio beatifica) zu dienen. Je mehr ein theologischer Entwurf hingegen die Schöpfung als unmittelbar aus dem Wesen Gottes erfliessende Mitteilung der göttlichen Wirklichkeitsfülle begreift, desto stärker ist die menschliche Gottesverehrung vom Gedanken der zweckfreien Ausfaltung und Verherrlichung der wechselseitigen Relation zwischen Gott und Mensch getragen.
Diese zwei unterschiedlichen Modelle von Gottesbeziehung und Gottesverehrung sollen auf paradigmatische Weise anhand von zentralen Texten von Thomas von Aquin und Meister Eckhart untersucht und mit Blick auf ihre Implikationen für die heutige Glaubens- und Gottesdienstpraxis weitergedacht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem Wesen der Gottesverehrung (religio) als menschlicher oder göttlicher Tugend, die Analyse der verschiedenen Formen des Gebetes (Bitt- und Dankgebet, Klage und Lobpreis) sowie die Frage nach Sinn und Wirkung der sakramentalen Praxis. Dabei soll insbesondere erörtert werden, weshalb bei Thomas von Aquin das Wesen der religio in einem instrumentellen, zweckorientierten Sinne gedeutet wird, während Meister Eckhart die religiös-sakramentalen Vollzüge als von allen Zweckgedanken freie Aktivierung und Potenzierung der sich immer schon vollziehenden Lebensgemeinschaft zwischen Gott und Mensch deutet.
Gewisse philosophische Grundkenntnisse sind für diese Veranstaltung zwar nützlich, aber keine zwingende Voraussetzung für die Teilnahme.
Seminar: 7.5. Der Tod
Martina Roesner, als Grundthema der Philosophie
Frühjahrssemester 2027
Mittwoch, 16.45-18.25 Uhr
Freies Angebot BA 1-3 / MA 1-2 – Regelmässige, aktive Teilnahme (höchstens zwei versäumte Sitzungen) 2 ECTS / Regelmässige, aktive Teilnahme + Anfertigung einer Seminararbeit 4 ECTS
Wie kaum ein anderes philosophisches Grundproblem rührt die Frage nach dem Wesen und der Bedeutung des Todes in unmittelbarer Weise an die Wurzel des menschlichen Selbstverständnisses. Der Grund dafür liegt darin, dass der Tod – verstanden als das Ende des biologischen Lebens – ein unausweichliches Schicksal darstellt, das ausnahmslos alle Menschen betrifft. Angesichts dieses empirischen Faktums stellen sich für die Philosophie drei grundlegende Fragen: Erstens gilt es zu klären, ob der biologische Tod tatsächlich in jeder Hinsicht als das definitive Ende des Menschen angesehen werden muss oder ob es Gründe dafür gibt, zumindest von einer partiellen Weiterexistenz der menschlichen Person (Seele, Geist etc.) über diese Grenze hinaus auszugehen. Davon ausgehend stellt sich zweitens die Frage, ob der Tod für den Menschen ein positives Gut, ein unbedingt zu vermeidendes Übel oder aber ein neutrales Phänomen darstellt, das man weder herbeiwünschen noch fürchten sollte. Und drittens hat die Philosophie vor diesem Hintergrund die Aufgabe, weiterführende Erwägungen darüber anzustellen, wie man angesichts der Unausweichlichkeit des je eigenen Todes in richtiger Weise leben sollte. Dabei gilt es vor allem der Frage nachzugehen, ob eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Tod im Sinne des klassischen memento mori zum Gelingen der eigenen Lebensgestaltung konstruktiv beitragen kann oder dabei eher hinderlich ist.
Dieser Themenkomplex ist insofern von besonderer Aktualität, als in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte ganz unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Tendenzen zu beobachten sind: Einerseits geht das medizinisch-biowissenschaftliche Vorhaben einer stetigen Verlängerung der menschlichen Lebenserwartung mit einer zunehmenden Verdrängung und Tabuisierung der Phänomene von Tod und Sterblichkeit aus dem öffentlichen Bewusstsein Hand in Hand. Andererseits wird im Kontext der Bioethik hinsichtlich des Problems der aktiven und passiven Sterbehilfe sowie des assistierten Suizids der Tod wieder zu einem Thema, das auf das engste mit der Frage nach der Menschenwürde sowie nach Reichweite und Grenzen menschlicher Selbstbestimmung verknüpft ist.
Im Rahmen des Seminars sollen anhand ausgewählter Primärtexte von Platon bis Heidegger die wichtigsten philosophischen Positionen zum Thema Tod und (Un-)Sterblichkeit erörtert und auf ihre anthropologischen, ethischen und theologischen Voraussetzungen und Implikationen hin befragt werden.
Gewisse philosophische Grundkenntnisse sind zumindest sehr empfehlenswert, aber nicht unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme.
