Tourismus als Lernort für die Kirchen
Weiterbildung des Pastoralinstituts der TH Chur im Wallis

Das wunderbar sonnige Herbstwetter im Wallis gab einen idealen Rahmen ab für die Weiterbildung „Kirche für Gäste – Inspirationen aus der Tourismusregion Oberwallis“, die vom 21.09. bis 23.09. im Bildungshaus St. Jodern in Visp stattfand. Eingeladen hatte von reformierter Seite die Aus- und Weiterbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer Zürich (A+W) sowie von katholischer Seite das Pastoralinstitut der Theologischen Hochschule Chur. Der Kurs wurde unterstützt vom Verein Kirche und Tourismus Schweiz (ktch.ch). In Visp und Zermatt sprachen spannende Persönlichkeiten über ihre Arbeit und ihr Leben.

Zum Beispiel: Kirche an der EURO 2008

Jacques-Antoine von Allmen (A+W), Michael Landwehr (KTCH) und Christian Cebulj (Pastoralinstitut TH Chur) zeigten als Leitungsteam des Kurses auf, wie vielfältig kirchliche Präsenz im Tourismus sein kann. Am Beispiel EURO 2008 wurde etwa geschätzt, dass die Kirchen inmitten der kommerziellen Welt des Leistungssports gefragt haben: Wer ist der Mensch unter dem Skihelm? Und: Wie ist es, wenn ich nicht zu den Siegern gehöre? Das habe mitten im Skizirkus für nachdenkliche Momente gesorgt.

Biker in der Sakrallandschaft Innerschweiz

Vendelin Coray, Geschätsführer Schwyz Tourismus, stellte das Projekt „BikeGenoss“ vor. Die sogenannte „Bikegenossenschaft“, die aus dem Projekt «Mountainbike Zentralschweiz» entstanden ist, stellt auf ihrer Website Trails und Routen vor, die in erster Linie für Bike-Touristen gedacht sind. Gerade in der Zentralschweiz gibt es aber auch viele schön gelegene Kirchen und Kapellen. Dazu Vendelin Coray: „Es ist angedacht, dass wir eine E-Bike-Tour zu sakralen Orten anbieten.“ Sie wird in Zusammenarbeit mit dem Verein „Sakrallandschaft Innerschweiz“ ausgearbeitet. Eine gelungene Idee, die einige konkrete Lernfelder für die Kirchen enthielt: So zeigte sich, dass Regionalität aufgrund der unsicheren Weltlage immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ausserdem müssen Ideen schnell und direkt umgesetzt werden, und nicht den langen Weg durch Instanzen gehen.

Pilgern als Chance

In verschiedenen Ateliers wurden Projekte zu kirchlichen Engagements im Tourismus präsentiert. Michael Landwehr (Hombrechtikon) stellte Fragen nach der „Herausforderung Gesundheitstourismus“. Christian Cebulj (Chur) referierte über das Thema „Kirchenraumpädagogik als touristische Chance“ und Pfarrer Christoph Gysel (Saas) sprach über „Heiraten im Tourismus“. Das Atelier „Pilgern als Chance“ wurde von Marianne Lauener (Frutigen) geleitet. Sie arbeitet seit 15 Jahren als professionelle Pilgerbegleiterin und erzählte, wie sehr Pilgern im Trend liege. Es seien politische und gesellschaftliche Unsicherheiten wie der Ukraine-Krieg oder die Corona-Pandemie, aber auch persönliche Umbrüche, die Menschen aufbrechen liessen und für Pilger-Aktivitäten sorgten. „Wagt man pilgernd den Aufbruch ins Unbekannte, kann einen das innerlich stärken“, weiss Marianne Lauener.

Begegnungen in Zermatt

Der zweite Weiterbildungstag stand im Zeichen interessanter Begegnungen in der Top-Tourismus-Destination Zermatt. Beat Perren erzählte im Matterhorn-Museum von der Gründung der Air Zermatt und Stephan Roth, der bald 70jährige katholische Zermatter Pfarrer, berichtete, wie sich seine Arbeit als Seelsorger im Lauf der Jahre verändert hat. Heute werde er nur noch selten zur Krisenintervention gerufen, etwas anderes sei es, wenn Einheimische oder Bergführer verunglücken. Wichtig sei der Sonntagsgottesdienst, zu dem immer Einheimische und Gäste kommen. Daher würden die Bibeltexte und Fürbitten meistens in verschiedenen Sprachen vorgelesen. Im Backstage-Hotel stellte der bekannte Künstler Heinz Julen im Wellnessbereich seinen Genesis-Garten vor, in dem die Gäste über die Schöpfungsgeschichte der Genesis meditieren können. Die Pilates- & Yoga-Lehrerin Anita Locher erzählte, wie gestresste Kunden die Ferien in Zermatt zur Entspannung suchten und dabei durchaus offen für spirituelle Angebote seien.

Internationale und nationale Netzwerke nutzen

Am dritten Kurstag stellte Thomas Roßmerkel als Tourismus-Beauftragter der Evangelischen Landeskirche in Bayern die zahlreichen kirchlichen Aktivitäten seiner Fachstelle unter die beiden Überschriften „Gemeinde auf Zeit“ und „Kirche bei Gelegenheit“. Diesen beiden Leitbegriffen der zeitgenössischen Kirchentheorie gehe es darum, im Tourismus religionsproduktive Gegenwartsentwicklungen aufzuspüren und zu deuten. In den Ferien könnten Menschen etwa mit Gottesdiensten sowie spirituellen und kulturellen Angeboten eine temporäre Beheimatung in der Kirche angeboten werden.

Für die nationale Ebene stellte Pfarrer Michael Landwehr stellte als Präsident den Verein Kirchen + Tourismus Schweiz vor, der Akteure aus den Kirchen und dem Tourismus vernetzt. Dabei sei die Erfahrung, dass beide Seiten von den Werten und dem Knowhow der anderen profitieren. Das werde etwa am Projekt Velowegkirchen sichtbar: Seit bald 10 Jahren laden Kirchen im Kanton Bern entlang der Herzroute 99 ein zum Rasten. Ralph Marthaler erzählte von der Weiterentwicklung im Abschnitt Laupen-Thun mit interessanten Beispielen wie Selfiestation und Kerzenautomat.

Spiritualität und Glücksmomente

Am Ende des Kurses in Visp und Zermatt standen drei Aspekte im Mittelpunkt: Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Gäste Glücksmomente erleben können und sollen. Dabei spielen spirituelle und kulturelle Angebote der Kirchen oft eine zentrale Rolle. Zweitens wurde die Gastlichkeit als Grundhaltung beschrieben, die auch ausserhalb der Tourismusregionen ein Markenzeichen sein soll. Kritisch wurde unterstrichen, dass mögliche Spannungen zwischen den Erwartungen der Gäste und dem eigenen Profil als Pfarrei/Kirchgemeinde immer wieder neu reflektiert werden müssen. Aufgrund des guten Zuspruchs soll der Kurs „Kirche für Gäste“ im Jahr 2025 wieder angeboten werden.

Link zur Medienmitteilung auf kath.ch: https://www.kath.ch/medienspiegel/tourismus-als-lernort-fuer-die-kirchen-2/